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Ehrenamtliche Jugendschutzbeauftragte - Respekt durch Glaubwürdigkeit

Aktiv in der Suchtvorbeugung
Hans Sch. ist ein ehrenamtlicher Jugendschutzbeauftragter im Landkreis Karlsruhe. Er kümmert sich um die Jugendlichen in seiner Stadt und dies auf eine Art, die die Jugendlichen auch annehmen können. Hans Sch. rennt nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend oder lädt nur zur Sprechstunde ins Rathaus ein, sondern holt die Jugendlichen da ab, wo sie sich aufhalten, wo sie ihren Treffpunkt haben. Er spricht sie auf dem Vorplatz des Bürgerzentrums, auf dem Spielplatz oder an der Bushaltestelle an.

Die Standardsituation für einen ehrenamtlichen Jugendschutzbeauftragten ist die Begegnung mit einem rauchenden Jugendlichen: Sch.:„Hör mal, du bist doch nicht mal 16?“ Jugendlicher: „Meine Eltern wissen, dass ich rauche. Das geht schon okay. Die haben das erlaubt.“ „Sch.“:„In der Öffentlichkeit darfst du nicht rauchen – mach sie bitte aus“.„Ich gehe damit den Jugendlichen auf den Wecker“, formuliert es Sch. liebevoll, „aber bin dabei voll akzeptiert. Wir kommen miteinander ins Gespräch und sie wissen, dass sie von mir keine Strafen zu erwarten haben.“ Die Jugendlichen kennen den ehrenamtlichen Jugendschutzbeauftragten und haben seine Tätigkeit folgendermaßen definiert: „Das ist der Herr Sch., der schaut bloß, damit wir keinen Blödsinn machen - er ist irgendwie unser Berater“. Hans Sch., ehemaliger Jugendsachbearbeiter der Polizei, ist mit dieser Bewertung der jungen Leute „voll einverstanden“, und sieht es als Kompliment.

Hintergrund
Erziehungsverantwortliche aus Familie, Schule, Betrieb, den Kommunen sehen im Jugendschutz vor Ort ein Umsetzungsdefizit. U. John hat die Kausalität zwischen Griffnähe und Substanz bedingten Erkrankungen im Internationalen Vergleich 1993 wissenschaftlich belegt (s. John Zeitschrift „Sucht“ 2/93). In der Vergangenheit oft unterschätzt, werden nun die Auswirkungen von jugendlichem Suchtmittelmissbrauch in den Kommunen augenfälliger.
Die Folgen einer defizitären Suchtvorbeugung bestehen im kommunalen Bereich unmittelbar durch Störungen der Öffentlichen Ordnung, Körperverletzung, Lärm, Verschmutzung und Vandalismus. Sie belasten die Städte und Gemeinden - sowohl atmosphärisch als auch finanziell.
Betriebe reagieren empfindlicher auf die hohe Zahl von Bewerbern, die Erfahrungen mit (illegalen) Suchtmitteln haben. Suchtmittelmissbrauch wird zwischenzeitlich als zentrale Ursache für Entwicklungsdefizite junger Menschen in der Denk- und Lernfähigkeit, in der Belastbarkeit und im Sozialverhalten angesehen.
Eltern betrifft das gestiegene Unfallrisiko und die eingeschränkten beruflichen Perspektiven, wenn der Suchtstoffkonsum ihrer Sprösslinge aktenkundig wird. Die Rahmenbedingungen für Erziehungsarbeit haben sich erkennbar verschlechtert: es gibt mehr Alleinerziehende und Doppelverdiener, die zunehmend weniger auf die traditionelle Unterstützung durch Angehörige zurückgreifen können. Die Erziehungsleistung der Eltern bedarf daher besonders im öffentlichen Bereich der Unterstützung durch das Gemeinwesen.
Kommunale Ereignisse stehen in Wechselwirkung zur Schule. Kiffende oder Alkohol trinkende Jugendliche vor Ort haben zweifelsfrei auch ihren Einfluss auf das schulische Miteinander. Mehr denn je ist Schule daher auf funktionierende kommunale Strukturen angewiesen.

Eltern möchten für ihre Kinder einen suchtfreien und gesunden Start in das Leben
Wer kümmert sich außerhalb des schulischen Bereiches, um das, was in den Parks und Anlagen, der Bushaltestelle oder auf der Skaterbahn geschieht, wenn die Eltern arbeiten oder einige Ortschaften weiter wohnen? Dies ist Sorge zahlreicher Eltern, angesichts sich schnell ändernden Lebens- und Erziehungsbedingungen im ländlichen Bereich. Mit wachsendem Selbstverständnis erwarten Eltern, dass Schule und Kommune sich auch um erzieherische Belange in der Zeit ihrer Abwesenheit kümmert und sie sich im öffentlichen Raum nicht selbst überlassen bleiben. Diesem Wunsch kann Schule nur im engen Kontext mit kommunalen Strukturen nachkommen. „Die Lücke zwischen elterlichem Verantwortungsbereich und dem schulischen, insbesondere im weiten Umfeld eines Schulzentrums, muss daher durch engagierte und informierte Personen geschlossen werden"; so die nachvollziehbare Sichtweise engagierter Elternvertreter.
Vor diesem Hintergrund installierte der Landkreis Karlsruhe im Jahr 2002 auf örtlicher Ebene so genannte „Kümmerer“, deren fachlich korrekte Bezeichnung „Ehrenamtliche Jugendschutzbeauftragte“ lautet. Der inoffizielle Titel Kümmerer trifft jedoch viel besser den Nagel auf den Kopf und hat sich zwischenzeitlich eingebürgert.

Ziele und Aufgabe
Zwischenzeitlich sind 11 ehrenamtliche Jugendschutzbeauftragte in Städten und Gemeinden des Landkreises installiert. Diese insgesamt 6 Frauen und 5 Männer weisen unterschiedliche berufliche Hintergründe auf. Sie kommen meist aus Schule, Polizei oder Jugendarbeit. Gemeinsam ist ihnen jedoch allen ein hoher Bekanntheitsgrad und eine langjährige und große Akzeptanz im Gemeinwesen. In der Verwaltung sind sie anerkannt und genießen das Vertrauen des Bürgermeisters.
Ziel ist es, Suchtvorbeugung und Jugendschutz um ein bürgerschaftliches Element vor Ort zu erweitern. Unterhalb der polizeilichen Ebene hat sich die Einrichtung ehrenamtlich tätiger Personen zur Verbesserung von Jugendschutz und Suchtvorbeugung bewährt. Der Grundgedanke dabei ist, polizeiliches Handeln unterliegt dem Legalitätsprinzip und somit häufig auch dem Strafverfolgungszwang, Kümmerer hingegen sind freier in ihren Entscheidungen.
Eltern und Erziehende sind daran interessiert, dass ihre Kinder im öffentlichen Bereich keine gesundheitlichen Gefährdungen durch Überforderungssituationen oder Substanzmissbrauch ausgesetzt werden. Sie wünschen aber auch gleichermaßen, dass Störungen in diesem Bereich zunächst nicht „amtlich“ gelöst werden.
Kümmerer haben keine Verantwortung für die Durchsetzung oder das Erreichen bestimmter Ziele. Verantwortlich für Jugendschutz und Suchtvorbeugung innerhalb des Gemeinwesens bleiben die hierfür eingesetzten Einrichtungen und Personen. Die ehrenamtlichen Jugendschutzbeauftragten haben daher auch nicht die Aufgabe, die Verantwortungsträger zum Handeln aufzufordern oder zu kontrollieren. Ihre Stärke besteht in der Unabhängigkeit gegenüber diesen Institutionen und gleichermaßen in der Akzeptanz, die ihr von allen Beteiligten entgegengebracht wird.
Zentrale Aufgabe ehrenamtlicher, kommunaler Jugendschutzbeauftragter ist das Erkennen, Formulieren und Weitergeben von Defiziten im Jugendschutz- und Suchtprophylaxebereich.

Die Praxis ehrenamtlicher Jugendschutzbeauftragter
Verbunden mit der professionellen Zuständigkeit und Abgrenzung von Einrichtungen wie der Polizei, dem Jugendamt, den Suchtberatungsstellen, dem Streetworker oder dem Ordnungsamt, richtet sich deren Aufmerksamkeit jeweils auf ihren Ausschnitt des Gesamtgeschehens. In der Praxis wird daher oft erlebt, dass z. B. Eltern über eine Suchtmittelgefährdung ihrer Kinder auf dem Schulweg, auf dem Pausenhof oder bei Straßenfesten, berichten. Professionelle Helfer sehen jedoch oft keinen konkreten Handlungsauftrag innerhalb ihres Aufgabenbereiches.
Das Unwohlsein der Eltern richtet sich dann – meist pauschal – gegen die Schule oder Kommune. In vielen Fällen mag das subjektive Empfinden der Eltern ungerechtfertigt sein. Doch oft stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass an den Grenzlinien der Zuständigkeit tatsächlich Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen bleiben. Als Beispiele sei hierfür genannt:

  • Gruppendruck an der Bushaltestelle,
  • Konsumdruck bei privaten Feten, öffentlichen Vereins- und Straßenfesten, Badeseen usw.,
  • Cannabiskonsum auf Skaterbahn, Spielplatz, Pausenhof usw.,
  • Konsum von Alkohol oder Verkauf von Drogen im Umfeld der Schule,
  • die Vereinnahmung von öffentlichen Plätzen, wie Parks und Anlagen für legalen und illegalen  Suchtmittelkonsum,
  • die Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz beim Verkauf von Alkoholika und Zigaretten,
  • Klagen von Einwohnern über Lärmbelästigung, Schmutz sowie
  • vermeintlicher oder realer Bedrohung in ihrem Lebensbereich.

Wichtig sind auch die Rückmeldungen der ehrenamtlichen Jugendschutzbeauftragten für die Kommune; so mancher Mythos wurde mit ihrer Hilfe widerlegt: „Im Schwanen werden viele Jugendliche mit Alkohol abgefüllt und unter dem Tisch wird Cannabis verkauft.“ lautete ein gängiges Vorurteil über ein Jugendcafé. Erst nachdem sich der örtliche „Kümmerer“ Gewissheit verschafft hat, dass dort alles mit rechten Dingen zugeht und dieses auch umfassend dokumentierte, konnte die Aufmerksamkeit auf andere Bereiche gerichtet werden.

Was können Kümmerer für die Schule leisten?
Um es gleich vorweg zu nehmen, Kümmerer  - wie Fachleute aus dem Suchthilfesystem  oder der Polizei - als Referenten in den Unterricht einzubauen, ist wenig sinnvoll. Ihr originäres Arbeitsfeld ist die Schnittstelle, Schule/Kommune, Schule/Eltern und der Kontakt zu den Jugendlichen außerhalb des Schulbereiches. An diesen Stellen bewegen sie Dinge mit Feingefühl für die sich niemand zuständig erklärt. Hier einige Beispiele:

  • Beklagt wurde der Lärm und die Verschmutzung auf einem Schulhof nahe der Straßenbahnhaltestelle gelegen, durch Jugendliche und Heranwachsende aus anderen Gemeinden. Diese kamen zum Teil mit der Straßenbahn oder mit eigenen Pkw’s, es kam zu Streit und Lärm, zu Verschmutzung z. B. durch zerbrochene Flaschen. Sie trugen zu erheblichem Gruppendruck bei, unter den auch die ortsansässigen Jugendlichen gerieten, die in der Vergangenheit diesen Bereich problemlos nutzten. Der Einsatz dieses Kümmerers erstreckte sich auf zahlreiche intervenierende Gespräche, die durchweg konfliktfrei abliefen und nach einigen Monaten zum Ergebnis hatten, dass dieser offene Schulhofbereich wieder so genutzt werden konnte wie zuvor.
  • Ebenfalls auf einem Schulhof in einer kleineren Gemeinde traf sich eine Gruppe von Jugendlichen, die neben Zigaretten rauchen auch mit Cannabis experimentierten. Dem örtlichen Kümmerer waren die meisten.  Schüler persönlich bekannt. Er lud sich bei der Mehrheit der Eltern ein und stieß in allen Gesprächen bei den Eltern auf überraschend hohes Verständnis und Akzeptanz. Die angesprochenen Eltern nahmen ihre Verantwortung an und das Missbrauchsverhalten wurde spontan eingestellt.
  • Eltern berichteten anlässlich eines Elternabends von Drohungen und Erpressungen älterer Schüler ihren Kindern gegenüber auf dem Schulweg und an der Bushaltestelle. Diesen diffusen Anschuldigungen besorgter Eltern ging eine Kümmerin durch regelmäßige Besuche bestimmter Bushaltestellen nach. Sie führte mit den dort wartenden Schülern eine Reihe von Gesprächen und ihr wurde von den Eltern zurückgemeldet, dass ihre Sprösslinge die Kümmerin als „super toll“ empfunden hätten, und seitdem habe sich die Situation deutlich verbessert.

Nicht jeder Kümmerer ist im gleichen Umfang mit den gleichen Modulen für die Schule aktiv. Doch besonders diejenigen, die aus dem schulischen Bereich kommen, werden in vielen Fällen zum Vermittler zwischen Schule und Familie in schwierigen Lebenslagen. Sie geben Eltern entsprechende Rückmeldung, nehmen sich die Zeit für klärende Gespräche und tragen so zu einer Entspannung und Verbesserung der Gesamtsituation bei. Die Kümmerer berichten: „Die meiste Zeit verwenden wir in Sachen Schule und Schulumfeld.“

Was wird noch getan?

  • Kümmerer organisieren im Landkreis Karlsruhe erlebnispädagogische Veranstaltungen und stellen deren Finanzierung sicher.
  • Sie organisieren suchtpräventive Veranstaltungen an Schulen für Kinder (Referenten der Lungenklinik Heidelberg zum Thema Rauchen).
  • Sie verteilen Materialien zum Jugendschutz für Eltern und Lehrerpersonal.
  • Sie melden die Unzufriedenheit von Eltern über den Verlauf einer Klassenfahrt oder eines Landschulheimaufenthaltes indirekt zurück (oft scheuen Eltern den direkten Kontakt mit der Schule aus Angst vor -vermeintlich- negativen Konsequenzen für ihre Kinder).
  • Sie wirken an den gemeinsamen Arbeitskreisen der Kommune zur Prävention mit und ergänzen das oft dürftige Bild der polizeilichen Lage durch konkrete Beobachtungen, durch treffende Beschreibung von Problemsituationen und Problemgruppen rund um das schulische Umfeld.
  • Sie halten in den meisten Fällen engen Kontakt mit der Schulleitung und können so in gemeinsamer Absprache Problemzonen oder -gruppen besser im Auge behalten.

Oft sind Kümmerer an den Elterninformationsabenden anwesend und berichten aus ihrer Sicht, was sich außerhalb der schulischen Grenzen als schwierig erweist oder verbessert werden könnte.  Fest installiert hat sich in einer Kleinstadt eine jährliche „Antidrogen-Disco“, die in Kooperation mit der Elterninitiative und der Schule von der Kümmererin organisiert wird. Regelmäßig feiern gemeinsam über 200 Jugendliche bei dieser stets rauch- und alkoholfreien Veranstaltung gesellig und ausgelassen.


Schlussbemerkung:
Die Kümmerer sind keine bediensteten, professionellen Kräfte. Und darin liegt auch ihre Stärke. Sie sollen aus der Bürgersicht Defizite, Schwachstellen, Reglungsbedarf oder auch nur allgemeines Unwohlsein formulieren und die Verantwortungsträger zu einer Überprüfung und Verbesserung auffordern. Sie sprechen mit allen Beteiligten, den betroffenen Jugendlichen, den Erziehungsverantwortlichen. Da nicht in den Dienstbetrieb eingebunden, sind sie freier, wenn es darum geht, eine kritische Betrachtung und Verbesserungsvorschläge vorzunehmen.
Ursula Sch., Kümmererin in Bruchsal, beschreibt ihre Tätigkeit so: „Bekanntheit ist eine wichtige Voraussetzung. Wenn ich Autorität zeige oder sie mich mögen, kommen Jugendliche mit ihren Sorgen auf mich zu und bitten um Hilfe oder besuchen mich sogar zu Hause. Wichtig ist die Glaubwürdigkeit und dass die Beziehung stimmt. Das ist die Grundlage für alle positiven Veränderungen, die wir gemeinsam in der letzten Zeit erreicht haben“. Trotz der nicht immer leichten Aufgabe, hat noch keiner der 11 ehrenamtlichen Jugendschutzbeauftragten sein Amt aufgegeben und ist im Gegenteil von der Sinnhaftigkeit des Engagements überzeugt.