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Ausgangssituation
Die Verfügbarkeit von Alkohol ist im ländlich geprägten Bereich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen: Modifizierte Öffnungszeiten bis 22 Uhr, der anonyme Verkauf an Tankstellen und die deutliche Zunahme öffentlicher Feste und Feiern ermöglichen dies. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Anzahl der jungen Menschen, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, kontinuierlich erhöht. Binge-Drinking-Muster und der inzwischen eindeutig erhöhte Mädchen- und Frauenanteil betonen die veränderten Trinkgewohnheiten. Diese Entwicklung zeichnet sich auch beispielhaft in den Klinikeinweisungen junger Menschen wegen Alkoholvergiftungen ab. In den zurückliegenden Jahren hat sich offensichtlich ein Strukturwandel im ländlichen Bereich ergeben. Billigeres Bauland, viele Parkplätze und günstigere Anreisewege, haben z. B. zur Einrichtung zahlreicher Diskotheken auf dem Land geführt. Dies hat insgesamt die Verlagerung des Alkoholmissbrauchs in den ländlichen Bereich beschleunigt.

Der Alkoholkonsum korreliert  mit den Einkommen der Familien. Hier gibt die HBSC-Studie aus dem Jahr 2002 einen deutlichen Hinweis. Der maximale Alkoholkonsum findet nicht - wie vermutet - bei den niedrigen Einkommen statt, sondern in der finanziell gut ausgestatteten Mittelschicht, die bekanntermaßen den Speckgürtel um die städtischen Metropolen bildet.

Die HBCS-Studie verdeutlicht weiter, Alkoholmissbrauch finden wir entgegen unseren Erwartungen in kleinstädtischen- und vor allen Dingen im dörflichen Bereich. Auch der Landkreis Karlsruhe ist vorwiegend kleinstädtisch und dörflich geprägt.

Problemzone „Ländlicher Bereich“
Das Leben im kleinstädtischen und dörflichen Bereich ist daher gekennzeichnet durch einen vergleichsweise hohen Anteil junger Menschen, die Alkohol missbrauchen. Andererseits fehlen ein professionelles Hilfesystem und die Akteure für Präventionsprogramme. Die beschriebene Situation ist hier in drei Punkten zusammengefasst:

  1. Alkoholintoxikationen sind ein besonderes Problem im dörflichen Bereich,
  2. kommunales Präventionsprogramm ziele meist auf größere Städte,
  3. Entwicklung eines wirksamen Programms für den ländlichen Bereich ist notwendig.

Aus der Not geboren
Unter dem Projektnamen „Wegschauen ist keine Lösung“ wurde bereits im Jahr 2001 eine Rahmeninitiative gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, speziell auf den Landkreis zugeschnittene Präventionsmodule zu entwickeln. Intention war es, Doppelstrukturen zu verhindern und Parallelentwicklungen zu vermeiden sowie psychosoziale Beliebigkeit von essenziell Notwendigem zu trennen.

 

Ziele
Die Aufgabe war es, ein Interventionsprogramm für den Landkreis Karlsruhe, in dem 430.000 Menschen auf 1.000 qkm in 32 Städten und Gemeinden leben, zu entwickeln. Folgende Ziele wurden benannt:

  • Entwicklung einer Jugendschutzkultur vor Ort
  • Einhalten der Jugendschutzbestimmungen
  • Reduzierung der Erreichbarkeit von Alkohol für Teenager
  • Reduzierung von Alkoholmissbrauch, Binge-Drinking und Alkoholintoxikation
  • Reduzierung von illegalem Suchtmittelkonsum
  • Reduzierung von Vandalismus, Gewalt und Unfällen

Rahmeninitiative „Wegschauen ist keine Lösung“
Auf verschiedenen Wegen sollte die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Jugendschutz gelenkt werden. Dabei richtet sich die Initiative „Wegschauen ist keine Lösung“ nicht direkt an Kinder und Jugendliche, sondern an die Erziehungsverantwortlichen. Mit Auszügen aus dem Jugendschutzgesetz wurden zwei S-Bahnwagen und ca. 180 kommunalen Fahrzeugen beschriftet. So konnte auch eine Diskussion zwischen Verwaltung, Politik und Bevölkerung angeregt werden.

Grundlage - Befragung von Schlüsselpersonen
In einem Landkreis können die Kommunen nicht von außen angewiesen werden in einer bestimmten Weise zu handeln. Bürgermeister und Gemeinderäte entscheiden eigenständig - und dafür brauchen sie Gründe. In einer 2004 durchgeführten Befragung von Schlüsselpersonen, wurde die örtliche Situation in jeder der 32 Kreiskommunen analysiert und spezifische kommunale Handlungsempfehlungen herausgegeben. Dies geschah mithilfe des Instituts für Therapieforschung (IFT) München. Die Ergebnisse dieser deskriptiven, qualitativen Studie bestätigten zum Teil die Erwartungen, waren aber auch überraschend.  So waren es für die Befragten nicht die familiären Probleme, die im Zusammenhang mit jugendlichem Alkoholmissbrauch gesehen wurden, sondern es wurde von den Schlüsselpersonen in erster Linie Gewalt, Vandalismus und Lärmbelästigung wahrgenommen. Für viele Ortsoberen leitete sich daraus ein Handlungsauftrag ab.

Erfassung des Präventionsinventars
Welche präventiven Maßnahmen werden vor Ort tatsächlich getroffen. Welch Strukturelemente sind vorhanden, welche Person ist verantwortlich? Mit diesen und anderen Fragen werden Kommunen gebeten eine Rückmeldung über ihr örtliches Präventionssystem zu geben. Der Fragebogen soll auch dazu motivieren die eigenen Strukturen nachhaltig auszubauen

Die wichtigsten Programmbausteine
Um Suchtprävention und Jugendschutz in der Fläche eines Landkreises sicher zu stellen, müssen Menschen gefunden werden, die sich dieser Aufgabe vor Ort annehmen. Der Mangel an professionellen Akteuren auszugleichen und die Bevölkerung vor Ort mehr in die Verantwortung einzubinden, führte fast zwangsläufig zu zahlreichen Einzelprojekte mit starker Bürgerbeteiligung. In den Städten und größeren Gemeinden des Landkreises wurden ehrenamtliche Jugendschützer installiert. Sie sind „Ombudsman“ vor Ort, der Missstände wahrnimmt und öffentlich macht. Sie halten den Dialog zwischen allen relevanten Gruppen, Eltern, Jugendlichen, Schulen, Jugendzentren und Polizei in Gang. Sie transferieren die Programminhalte der Initiative in das Gemeindeleben.

Vereinsinitiativen „7 aus 14“ und Zertifizierung von  Vereinen
Alkoholmissbrauch wird zunehmend Teil des allgemeinen Lebensstils und hat somit negative Auswirkungen auf die öffentliche Festkultur. Die Initiative „7 aus 14“ verlangt, abhängig vom Verein und der jeweiligen Festsituation, wahlweise 7 von 14 festgelegte Regeln einzuhalten. Die Zertifizierung von Vereinen ist ein weiterführendes Element. Sie beinhaltet eine Schulung und eine Selbstverpflichtung des Vereins, keinen Alkohol in der Jugendarbeit, auch nicht bei den erwachsenen Trainern oder vereinsinternen Festen, zuzulassen. In vielen Kreiskommunen ist die finanzielle Vereinsförderung an die Zertifizierung geknüpft worden. Inzwischen wurden bereits über 450 in der Jugendarbeit aktive Vereine zertifiziert.

Jugendschutzteams
Jugendschutzteams sind Interventionsteams, bestehend aus Rettungsdienst, Polizei und sozial engagierten jungen Menschen. Für öffentliche Veranstaltungen kann im Landkreis Karlsruhe ein komplettes System der Vor-, Nachbereitung und Durchführung mit Jugendschutzteams, Infoschriften und Presseinformationen angefordert werden. Diese Teams sprechen Jugendliche und Cliquen, Verkaufsstände und Verantwortliche im Umfeld von Veranstaltungen auf Suchtmittelmissbrauch an. Unrechtmäßig mitgeführter Alkohol wird abgenommen, alkoholisierte Jugendliche ihren Eltern übergeben oder in Kliniken gebracht. Die Teams leisten Erste Hilfe bei Trunkenheit und sorgen so aktiv für die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen. Damit verbunden sind jeweils Beratungs- und Therapieangebote.

Peer-Konzept
Aufgrund langjähriger guter Erfahrungen wurde im Rahmen der Initiative „Wegschauen ist keine Lösung“ mit der Ausbildung von Schülergruppen an den Beruflichen Schulen im Landkreis Karlsruhe begonnen. Sie betreiben Suchtprävention auf Augenhöhe, übernehmen einen Großteil der Suchtvorbeugungsarbeit an der eigenen oder fremden Schule, gestalten Ausstellungen und sind auch bei verschiedenen Anlässen in der Gemeinde aktiv. Zur Unterstützung ihrer Aktivitäten wurde ein struktureller Rahmen für diese Akteure entwickelt; dieser ist gekennzeichnet durch:

  • die politische Unterstützung auf kommunaler Ebene
  • fachliche Begleitung von außerhalb
  • feste Einbindung in die Schulstruktur
  • eine attraktive Anerkennungsstruktur sowie
  • ein roulierendes System

Er trägt dazu bei, dass deren Arbeit an der Schule als äußerst hilfreich und die Schüler ihre Aktivitäten als attraktiv erleben.

Koordination vor Ort
Im örtlichen Aktionskreis wird die aktuelle Situation zusammengetragen. Die Akteure stimmen regelmäßig ihre verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen in ihrer Gemeinde ab. Nachhaltiges Handeln wird möglich. Wichtig hierbei: die Gemeinderäte sind mit einzubeziehen.

Leitlinien für die kommunale Suchtprävention im öffentlichen Bereich mit der Schule, mit der Familie oder mit den Vereinen wurden entwickelt und als Handreichungen den Bürgermeistern übergeben.

Was hat sich bewährt?
Die Initiative „Wegschauen ist keine Lösung“ hat einen hohen  Bekanntheitsgrad in der Region. Die Zustimmung zu Inhalten und Methoden ist hoch. Insgesamt wurden mehr als 460 Vereine zertifiziert und Menschen gewonnen, die sensibel die örtliche Jugendschutzsituation wahrnehmen und in der Lage sind, entsprechend zu handeln. Festzustellen ist ein deutlicher Rückgang der Vandalismusschäden im Kreisgebiet. Es lässt sich eine erkennbar höhere Zufriedenheit der Bevölkerung dort feststellen, wo die Handlungsmodule der Initiative angewandt wurden.

Weiterentwicklung
Kommunale Suchtprävention ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Präventionsinhalte, örtliche Gegebenheiten und Akteure. Effekte dieser gemeinsamen Bemühungen lassen sich nicht unmittelbar messen. Die praktische Arbeit scheint jedoch zu belegen, dass einzelne Vorbeugungsmodule besonders geeignet sind, den Missbrauch von psychotropen Substanzen in einer Gebietkörperschaft zu beeinflussen.

Auch scheint sich abzuzeichnen, dass das Fehlen oder Vorhandensein bestimmter Module, systemrelevante Bedeutung für die örtliche Suchtprävention haben kann
(z. B. örtliche Koordinationskreise). Neben einer qualitativen, deskriptiven Bewertung der Jugendschutz- und Suchtvorbeugungssituation erscheint es daher unerlässlich, langfristig auf valide Daten zurückgreifen zu können, die geeignet sind, einzelne Präventionsmaßnahmen auf ihre Effizienz für das örtliche Vorbeugungssystem zu gewichten. Diese sind letztlich unerlässlich,
um kommunale Verantwortungsträger - ggf. auch durch einen regionalen Vergleich - zum Handeln zu bewegen.

Bei der Erhebung so genannter valider Daten, sollte auch auf das Instrument der Testkäufe ggf. auch anonymisiert zurückgegriffen werden können. Weitere kleinräumige Daten - wie Unfälle, Vandalismusschäden, Anzahl der Verkaufsstellen pro 1.000 Einwohner - tragen dazu bei, eine etwas realistischere Einschätzung der örtlichen Situation zu erhalten. Die Erfahrungen zeigen: Können solche Fakten nicht vorgehalten werden, neigen die Ortsoberen dazu, die Bemühungen um Suchtprävention und Jugendschutz weniger ernst zu nehmen. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass es zwar für Fahrraddiebstähle eine differenzierte polizeiliche Statistik gibt, Jugendschutzverstöße jedoch weder polizeilich erfasst, noch bei der Berichterstattung auf örtlicher Ebene behandelt werden.

Fernziel der Initiative „Wegschauen ist keine Lösung“ ist es daher, mithilfe kleinräumiger Daten einerseits die Wirkung einzelner Präventionsmaßnahmen zu überprüfen und andererseits mit den ermittelten Zahlen im Jugendschutz und der Suchtvorbeugung - im Sinne einer örtlichen Alkoholpolitik - die ihm zustehende Geltung zu verschaffen.